Was erfolgreiche Unternehmensnachfolge wirklich prägt

Claudia Horner

Erkenntnisse aus einem Praxisforschungsprojekt mit der University of Sustainability in Wien

Die Übernahme eines Familienunternehmens zählt zu den anspruchsvollsten Phasen im Lebenszyklus eines Betriebs. Anders als klassische Veränderungsprozesse, die häufig vor allem strategische oder operative Anpassungen erfordern, vereint Nachfolge in Familienunternehmen mehrere Ebenen gleichzeitig. Dazu gehören wirtschaftliche Entscheidungen, rechtliche und steuerliche Fragen, strukturelle Veränderungen sowie emotionale Dynamiken innerhalb der Familie.

Gerade diese Vielschichtigkeit führt dazu, dass Unternehmensnachfolge selten als einzelnes Ereignis stattfindet. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der sich über mehrere Jahre entwickeln kann. Genau deshalb haben wir ein praxisorientiertes Forschungsprojekt begleitet, das reale Nachfolgesituationen qualitativ untersucht hat. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Unternehmensnachfolgen in der Praxis tatsächlich gestaltet werden und welche Erfahrungen Beteiligte im Übergabeprozess machen.

 

Ziel und Ansatz des Projekts

Im Rahmen des Projekts wurden sieben qualitative Interviews mit Übergeber*innen und Übernehmer*innen aus kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland und Österreich geführt. Die befragten Betriebe stammten aus unterschiedlichen Branchen und befanden sich entweder in einer aktuellen Nachfolgephase oder hatten den Übergabeprozess vor kurzem abgeschlossen.

Die Interviews wurden leitfadengestützt geführt, aufgezeichnet und anschließend qualitativ ausgewertet, um wiederkehrende Muster und zentrale Einflussfaktoren im Nachfolgeprozess sichtbar zu machen. Ziel war ein vertieftes Verständnis dafür, welche Faktoren Nachfolgeprozesse in der Praxis tatsächlich prägen und wo typische Spannungen sowie Erfolgsbedingungen liegen.

Aus der Auswertung kristallisierten sich fünf Dimensionen heraus, die den Übergabeprozess maßgeblich bestimmen:

  1. Rollenverständnis
  2. Kommunikation
  3. Emotionale Dynamiken
  4. Strukturelle Gestaltung und Zeit
  5. Formale und rechtliche Rahmenbedingungen

 

Was wir aus den Interviews lernen konnten

1) Rollenklärung ist der stärkste Hebel

In nahezu allen Interviews zeigte sich Rollenverständnis als zentraler Erfolgsfaktor. Besonders deutlich wurde, dass eine formale Übergabe keine echte Verantwortungsabgabe ersetzt. Wenn die abgebende Generation weiterhin informell Einfluss nimmt oder operative Entscheidungen mitsteuert, entstehen parallele Entscheidungsstrukturen. Das führt in der Praxis häufig zu Reibung.

Ein wiederkehrendes Muster war außerdem das Thema „finales Ende“. Gerade dort, wo der Übergang nicht klar abgeschlossen wird und Übergeber*innen weiterhin operativ eingebunden bleiben, bleiben Rollen häufig unklar und das Spannungspotenzial steigt deutlich.

Mehrfach wurde beschrieben, dass das Loslassen für Übergeber*innen nicht nur organisatorisch, sondern auch identitätsbezogen herausfordernd ist. Umgekehrt betonten Übernehmer*innen, dass echte Eigenständigkeit nur dort entsteht, wo Entscheidungsfreiheit tatsächlich gewährt wird.

Praxisimplikation: Rollen müssen nicht nur definiert, sondern konsequent gelebt werden. Dafür braucht es klare Abgrenzung, sichtbare Verantwortungsübertragung und einen eindeutigen Übergabeabschluss.

2) Kommunikation ist nicht „nice to have“, sondern entscheidend

In allen Fällen wurde Kommunikation als grundlegende Voraussetzung einer gelingenden Nachfolge beschrieben. Besonders im familiären Kontext zeigte sich, dass unausgesprochene Erwartungen, implizite Annahmen und Tot-Schweigen häufige Konflikttreiber sind. Das wirkt nicht nur im Unternehmen, sondern auch in der Beziehung.

Hilfreich waren dort, wo sie etabliert wurden, regelmäßige Abstimmungsformate. Dazu gehörten strukturierte Meetings, Entscheidungsrunden oder feste Gesprächsroutinen. Ebenso wichtig war die externe Kommunikation. Kund*innen, Mitarbeitende und Partner*innen müssen bewusst in den Wechsel mitgenommen werden. Andernfalls bleibt die alte Generation Ansprechpartner, selbst wenn sie formal bereits ausgeschieden ist.

Praxisimplikation: Nachfolge braucht eine bewusste Kommunikationsarchitektur. Das gilt intern zwischen den Generationen, im Team und nach außen zu Kund*innen und Stakeholdern.

3) Emotionen sind ein Querschnittsthema und kein Nebenschauplatz

Die Interviews machten deutlich, dass Nachfolge immer auch ein persönlicher Transformationsprozess ist. Auf Seiten der Übergeber*innen stehen häufig Themen wie Loslassen, Bedeutungsverlust und die Sorge um das Lebenswerk im Raum. Oft zeigt sich dabei eine Ambivalenz zwischen Stolz und Unsicherheit. Übernehmer*innen beschrieben hingegen Leistungsdruck, Verantwortung und die Herausforderung, sich zu legitimieren. Das betrifft die ältere Generation, Mitarbeitende und häufig auch die eigenen Erwartungen.

Im familiären Kontext verstärken sich diese Dynamiken zusätzlich. Rollen als Eltern oder Kind und gleichzeitig Geschäftsführer*in oder Mitarbeitende überlagern sich. Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Themen wie Geschwistergerechtigkeit, vorgezogenes Erbe und Loyalitätskonflikte wurden mehrfach angesprochen.

Praxisimplikation: Emotionen sind keine Störfaktoren, sondern Teil der Realität. Wer sie ignoriert, riskiert, dass sie den Prozess indirekt steuern. Wer sie bewusst adressiert, schafft Stabilität.

4) Struktur und Zeit entscheiden über die Tragfähigkeit des Prozesses

Strukturell zeigte sich ein klares Muster: Nachfolge dauert fast immer länger als erwartet. In mehreren Fällen wurde der Übergang als mehrjähriger Prozess beschrieben, teilweise über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dabei ging es nicht nur um formale Schritte, sondern um schrittweise Kompetenzentwicklung, Vertrauen, Verantwortungsübertragung und organisatorische Umstrukturierung.

Gerade in kleineren, stark personenbezogenen Betrieben erfordert die Übergabe häufig eine bewusste Neustrukturierung. Dazu zählen Aufgabenverteilung, Zuständigkeiten, Entscheidungslogiken und teilweise auch strategische Neuausrichtung, etwa durch Modernisierung oder neue Schwerpunkte.

Praxisimplikation: Zeit ist nicht nur eine Planungsgröße, sondern ein Erfolgsfaktor. Wer früh beginnt, kann schrittweise gestalten. Wer spät beginnt, gerät unter Druck, wodurch Fehler, Konflikte und Blockaden entstehen können.

5) Formalitäten sind komplex und werden von den Generationen unterschiedlich wahrgenommen

Rechtliche, steuerliche und finanzielle Fragen waren in nahezu allen Fällen relevant. Besonders Übergeber*innen thematisierten die Komplexität stark. Dazu gehörten steuerliche Gestaltung, notarielle Regelungen, Vertragsfragen und Bankthemen. Mehrfach wurde sichtbar, wie sehr formale Fragen den Prozess verzögern oder belasten können, vor allem wenn sie spät angegangen werden.

Auffällig war zugleich ein Perspektivenunterschied. Während Übergeber*innen Formalitäten als zentral erleben, spielen sie für Übernehmer*innen oft eine geringere Rolle. Diese fokussieren sich stärker auf operative Führung, strategische Fragen und die Alltagsumsetzung.

Praxisimplikation: Formalitäten sind lösbar, aber sie brauchen Zeit, Expertise und ein gutes Zusammenspiel aus Steuerberatung, Notariat, Banken und internen Entscheidern. Entscheidend ist, sie nicht nebenbei laufen zu lassen, sondern aktiv zu steuern.

 

Was Unternehmen daraus konkret mitnehmen können

Aus der Gesamtanalyse ergibt sich ein klares Bild. Erfolgreiche Nachfolge gelingt nicht durch einen einzelnen Hebel, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Dimensionen:

  • Rollen müssen klar definiert und konsequent umgesetzt werden.
  • Kommunikation braucht Struktur, Offenheit und Regelmäßigkeit – intern und extern.
  • Emotionale Dynamiken sollten aktiv wahrgenommen und professionell begleitet werden.
  • Strukturelle Planung braucht Zeit und Zeit ist ein zentraler Erfolgsfaktor.
  • Formale Themen müssen frühzeitig eingeplant und systematisch gemanagt werden.

Nachfolge bedeutet damit nicht nur die Übergabe eines Unternehmens, sondern einen Übergang von Verantwortung, Vertrauen und Identität. Sie betrifft das betriebliche und das familiäre System gleichermaßen.

 

Abschluss

Die Ergebnisse des Praxisforschungsprojekts bestätigen, dass Unternehmensnachfolge ein multidimensionaler Transformationsprozess ist. Wer ihn bewusst gestaltet und dabei Rollenklarheit, Kommunikation, emotionale Reflexion, strukturelle Planung und formale Absicherung berücksichtigt, erhöht die Chance auf Stabilität, Zukunftsfähigkeit und gesunde Beziehungen zwischen Familie und Unternehmen deutlich.

Gerade deshalb lohnt es sich, Nachfolge frühzeitig und bewusst zu gestalten.